
deutsche Version:
Im Februar 2023 habe ich meinen Militärdienst beendet. Danach habe ich mich entschlossen, nach Italien zu gehen. Meine Tante und meine Cousins lebten in Italien. Ich sah, dass sie dort ein gutes Leben führten. Ich begann, mit dem Schlepper am Telefon alle Details zu besprechen. Ich kannte ihn, mein Vater kannte ihn, er ist in Ägypten sehr bekannt. Wenn man nach Italien gehen will, sollte man zu Ahmad S. gehen. Er sagte mir: „Ich werde alle deine Papiere besorgen und du wirst legal von Ägypten nach Libyen reisen.“ Ich musste mit meinem Vater und meinem Bruder zum Reisebüro Al Farahat gehen, um ihm das Geld zu geben. Ich habe 3.000 € für alles bezahlt.
Ich begann die Reise in Kairo. Die Fahrt dauerte zwei Tage. Ich blieb 55 Tage in einem Haus in Tobruk, Libyen. Während dieser Zeit sprach ich mit dem Schlepper über WhatsApp. „Wann fahren wir los?“, fragte ich ihn. Eines Tages sagte er uns, wir sollten all unsere Sachen packen. Wir fuhren in die Wüste und jemand sagte uns, wir sollten laufen: „Wenn ihr das Meer seht, werden euch Leute mit einem kleinen Boot zum Schiff bringen.“ Wir begannen zu laufen und kamen am Meer an.
Wir begannen die Reise um sechs Uhr morgens, ich war unten im Boot. Das Boot war voll, es hatte drei Etagen. Es war sehr hart, ich roch die ganze Zeit Benzin und konnte kaum atmen. Ich dachte: „Ich muss nach oben gehen. Wenn ich hier bleibe, sterbe ich.“ Als ich nach oben ging, sagte mir jemand von der Besatzung, ich müsse wieder nach unten gehen. Ich ging auf die mittlere Etage. Das war das erste Mal, dass ich auf einem Schiff war. Die ganze Zeit über fühlten sich die Leute unwohl, weil das Schiff nicht im Gleichgewicht war. Wir waren 750 Menschen. Der Kapitän war 17 Jahre alt. Es war nicht seine Arbeit, er fuhr wie alle anderen nach Italien. Er sagte dem Schlepper am Telefon: „Wir sind zu viele, wir sollten umkehren. Wir können nicht weiter nach Italien fahren.“ Der Schlepper sagte: „Fahrt in diese Richtung, und ich schicke euch den nächsten Standort, um weiterzufahren.“ Der Schlepper blieb zu Hause, er hatte Geld. Warum sollte er nach Italien fahren?
Wenn die Reise so verlaufen wäre wie am ersten Tag, wären wir in Italien angekommen, aber wir hatten kein Wasser und das Wetter war sehr heiß. Es gab fünf Leute aus der Besatzung. Alle sahen den Kapitän, alle sahen die Besatzung. Während der gesamten Reise hatten wir immer wieder Probleme mit dem Motor. Der Motor stellte von Zeit zu Zeit seinen Betrieb ein, weil er sehr heiß war. Alle waren nervös, alle waren müde. Es waren viele Minderjährige an Bord. Sie fingen an zu weinen, weil sie das Gefühl hatten, sie würden sterben. Einige Leute fragten mich und andere Ägypter, ob wir helfen könnten. Ich hatte keine Angst und begann zu helfen. Deshalb sagten die Leute später, ich sei Teil der Besatzung gewesen. Alle Männer, die verhaftet wurden, hatten geholfen. Ich gab den Leuten Wasser und sagte ihnen, sie sollten sich nicht bewegen, sondern an ihrem Platz bleiben.
Am fünften Tag kam die griechische Küstenwache. Wir hatten sie nicht gerufen, wir hatten nicht um Hilfe gebeten. Sie hielten uns an und warfen ein Seil zu unserem Boot. Die Leute befestigten das Seil innerhalb von fünf Minuten an unserem Boot. Die Küstenwache fuhr los, und unser Schiff neigte sich einmal nach rechts, einmal nach links, einmal nach rechts. Plötzlich war alles dunkel. Ich hörte nichts, ich sah nichts. Wasser drang ins Schiff ein und der Sauerstoff ging raus. Das Wasser stieg mir bis zum Kinn. Ich erinnerte mich, dass es eine Tür gab. Ich schaffte es irgendwie, aus dem Boot zu kommen. Als ich zurückblickte, sah ich das Schiff im Wasser untergehen. Das dauerte nicht länger als 15 Minuten. Die Leute riefen die Küstenwache, weil sie ein Licht hatten. Sie halfen niemandem und machten mit ihren Handys Videos, sie lächelten. Ich hatte Angst, zu ihnen zu gehen. Wir schwammen zwei Stunden lang. Dann kam eine Yacht mit italienischer Flagge. [Sie waren gerufen worden, um die Küstenwache zu unterstützen]. Wir wurden auf die Yacht gebracht. Dort fragten uns die Beamten der Küstenwache, ob wir Videos aufgenommen hätten. Sie nahmen alle Handys an sich und steckten sie in eine Tasche. Sie haben sie uns nie zurückgegeben. Vier bewaffnete Männer sagten: „Keine Bewegung.“ Die ganze Zeit über beobachteten sie uns. Die Besatzung der Yacht begann, uns ein wenig zu helfen. Sie gaben uns Wasser und sagten: „Ihr werdet es schaffen. Wir bringen euch nach Kalamata, wir helfen euch.“ Alle Überlebenden sagten: „Wir müssen nach Italien, wir wollen nicht nach Griechenland.“
Wir kamen um sieben Uhr morgens in Kalamata an und gingen zu einem kleinen Lagerhaus. Die Leute fragten uns, ob wir in Ordnung seien. Ich sagte: „Ich komme aus dem Tod, ich bin nicht in Ordnung.“ Ich konnte nicht atmen, wegen dem, was ich gesehen hatte. Sie gaben uns Kleidung und Essen. Die Polizei stellte uns normale Fragen, wie zum Beispiel unseren Namen, unser Alter oder unser Herkunftsland.
Um drei Uhr nachts hörte ich eine Stimme. Ich wachte auf und sah einen Beamten der Küstenwache. Er sagte zu mir: „Du kannst deine Mutter anrufen, komm mit uns.“ Ich wollte einen Anruf tätigen, um meiner Familie zu sagen, dass ich nicht gestorben war. Ich ging mit ihm mit. Vor dem Lagerhaus stand noch eine andere Person von dem Boot. Ich fragte ihn, ob er wüsste, was sie vorhätten, und er sagte, dass sie vielleicht noch mehr Informationen bräuchten. Wir gingen 500 Meter und plötzlich fingen sie an, mir Handschellen anzulegen. Sie sagten: „Keine Sorge, das ist normal, wir nehmen nur ein paar Informationen auf und bringen Sie dann zurück.“ Ich sagte ihnen, dass das nicht normal sei und mir das nicht gefiele, aber sie sagten mir, ich solle still sein.
Während der Vernehmung sagten sie zu mir: „Du hast 600 Menschen getötet.“ Ich fing an zu weinen: „Ihr habt uns getötet, die Küstenwache hat uns getötet.“ Sie fuhren fort: „Du bist ein Schlepper.“ Ich sagte ihnen, dass ich Geld hätte, wenn ich ein Schlepper wäre. Sie fragten mich: „Hast du den Schmuggler gesehen, war er im Boot?“ – „Glaubst du wirklich, der Schmuggler wäre mit uns auf dem Schiff gewesen? Er ist natürlich in Libyen geblieben.“ Sie drohten mir, indem sie sagten, dass sie Präsident Sisi kennen: „Er ist unser Freund. Wir werden ihm sagen, dass er deine Familie ins Gefängnis bringen soll, wenn du uns nicht hilfst.“ Ich wusste, dass sie nichts tun konnten. Ich sagte: „Ich bin kein schlechter Mensch. Ich möchte zurück zum Lagerhaus.“ – „Du gehst nirgendwohin. Du bleibst im Gefängnis, du bleibst dein ganzes Leben lang im Gefängnis.“ In diesem Moment wurde mir klar, was sie tun könnten. Sie zeigten mir Bilder von den Ägyptern und gaben mir ein Bild von mir selbst. Sie fragten mich, was wir auf dem Schiff gemacht hätten. Ich erklärte, dass wir geholfen hatten. Hätten wir nicht geholfen, wären wir gestorben. Wir alle hatten den Kapitän gesehen, wir alle kannten die Crew. Wenn die Crew im Lager gewesen wäre, hätte ich es ihnen gesagt, aber sie waren nicht dort. Die Beamten teilten mir mit, dass andere Passagiere gesagt hätten, ich hätte das Geld genommen und ihnen gezeigt, wo sie sitzen sollten. Es stimmte, dass ich auf dem Schiff geholfen hatte, aber warum sollte ich dafür ins Gefängnis kommen? Ich fügte hinzu, dass ich einer der letzten gewesen war, die an Bord gegangen waren. Sie lachten die ganze Zeit und sprachen Griechisch. Sie brachten mich in eine Zelle, einen kleinen Raum im Untergeschoss der Küstenwache. Dort blieb ich zwei Nächte lang mit anderen Menschen von unserem Boot.
Am zweiten Tag waren wir vor Gericht. Die Richterin stellte nur ein paar Fragen. Ich erzählte ihr alles. Am Abend wurden wir zur Polizeistation von Kalamata gebracht. Als ich meine Mutter zum ersten Mal anrief, haben wir viel geweint. Dann haben wir uns schnell gefasst und überlegt, was wir tun sollten. Sie gab mir die Nummer der ägyptischen Botschaft, und ich rief dort an. Sie wussten von unserem Boot, aber sie kannten nicht die ganze Geschichte. Ich sagte ihnen, dass wir am nächsten Tag noch einmal vor Gericht müssten und dass wir einen Dolmetscher bräuchten.
Sie kamen tatsächlich am nächsten Tag und sagten uns: „Ihr werdet freigelassen. Wir wissen, dass ihr nichts getan habt. Ihr müsst nicht nervös sein.“ Vor Gericht begann die Vernehmung. Niemand fragte, wie wir Schiffbruch erlitten hatten. Sie fragten nur, wer der Kapitän war. Der Übersetzer sagte ihnen, dass sich das Schiff nicht in griechischen Gewässern, sondern in internationalen Gewässern befunden habe. Ich wusste, dass die griechische Justiz nichts tun kann, wenn jemand in internationalen Gewässern ein Verbrechen begeht. Nach zehn Minuten war die Vernehmung beendet. Wenn ich ein Schleuser wäre, hätte sie 24 Stunden dauern müssen, nicht zehn Minuten. Wir sagten der Botschaft: „Sie haben uns ins Wasser geworfen. Wir bleiben keinen Tag länger auf der Polizeiwache. Wir fordern unsere Rechte ein.“
Sie sagten uns, wir sollten Geduld haben: „Ihr wart in internationalen Gewässern. Sie werden euch freilassen.“ Ich sagte: „Wie jeder Mensch bitte ich um Gnade. Ich brauche Gerechtigkeit. Das ist nicht fair. Ich bin vom Meer ins Gefängnis gekommen. Das ist, als würdet ihr mich langsam umbringen. Am Ende der Verhandlung sagte uns der Richter: „Ihr werdet zehn Tage in der Polizeistation von Kalamata bleiben, dann werden wir die Vernehmung fortsetzen.“ Die jungen Leute, die 19, 20 Jahre alt waren, verloren den Verstand. Sie fingen an zu schreien.
Zehn Tage, neun Personen in einem Raum. Die Beamten gaben uns um elf Uhr morgens und um acht Uhr abends etwas zu essen. Nach zehn Tagen wurden wir ins Gefängnis von Nafplio verlegt. „Wie lange werden wir hier bleiben?“ Niemand konnte diese Frage beantworten. Wir sollten in Quarantäne. In diesen Tagen konnte ich vor Erschöpfung nicht mehr laufen. Wir erhielten eine Carta, um Telefonate zu führen, und bekamen finanzielle Hilfe von unseren Familien. Eines Tages beschlossen wir, aus Protest gegen unsere Inhaftierung in den Hungerstreik zu treten. Wir blieben sieben Tage lang im Hungerstreik. Während dieser Zeit rief uns die Gefängnisdirektorin an: „Ihr solltet essen und Wasser trinken. Ihr solltet auf euch achten. Ich weiß, dass ihr nichts getan habt. Ihr werdet nur für kurze Zeit hier bleiben, etwa sechs Monate.“ Wir sagten ihr, dass sechs Monate keine kurze Zeit seien. Aber nach sieben Tagen beendeten wir den Hungerstreik. Wir blieben 20 Tage in Quarantäne. Wir schliefen und bekamen wenig zu essen. Ein Sicherheitsbeamter gab mir die Nummer eines Journalisten. Alle begannen, ihre Geschichte zu erzählen. Wir trafen den Anwalt Alex Georgoulis. Er sagte: „Ich habe viele Fälle wie diesen gewonnen. Ihr solltet mir vertrauen.“ Es war das erste Mal, dass wir Hoffnung verspürten. Am ersten Tag, als wir die Quarantäne verließen, schlugen uns die anderen Gefangenen. Sie erklärten uns die Regeln im Gefängnis.
Wir waren zu sechst in einem Zimmer. Wir hatten ein Badezimmer und einen Fernseher. Zwei Personen schliefen auf dem Boden. Es gab keine Privatsphäre. Die Türen waren von sieben Uhr abends bis acht Uhr morgens und dann wieder von zwölf bis drei Uhr geschlossen.
In Griechenland fanden zu dieser Zeit Präsidentschaftswahlen zwischen Mitsotakis und Tsipras statt. Alle sagten, unser Fall sei ein politischer Fall. Ich sagte ihnen, dass ich nicht an der Revolution in Ägypten teilgenommen hatte. Ich habe in meinem Land kein Verbrechen begangen. Warum sollte ich in einem politischen Fall in einem anderen Land im Gefängnis sitzen?
Das Gefängnis war eine schwere Zeit. Am Anfang hatten wir kein Geld. Ich hatte einen Cousin in Italien, der mir mit Geld für die Carta, für Kaffee oder sonstiges aushalf. Ein Anruf bei der Familie kostete zehn Euro für sieben Minuten. Im Gefängnis war alles teuer. Nach einigen Monaten erhielten wir die ersten Unterlagen vom Gericht mit den Anklagepunkten. Es gab neun Zeugen. Sie sagten, ich hätte den Menschen Essen und Wasser gegeben. Und dass ich ihnen gesagt hätte, wo sie sitzen sollten. Das habe ich zwar getan, aber ich bin kein Schmuggler.
Meine Mutter sagte mir, dass ich freikommen würde, dass ich nichts Unrechtes getan hätte. Ihr Gesundheitszustand war zu diesem Zeitpunkt nicht gut. Es war sehr schwer für sie. Sie sagte mir, ich solle Geduld haben. Wir haben eine Geschichte im Koran, sie ist nach Yusuf benannt. Ich glaube, das ist meine Geschichte. Yusuf kam ins Gefängnis, wo er sieben Jahre lang blieb. Er hatte nichts getan. Als Yusuf wieder herauskam, wurde er Minister. Es ist eine Geschichte über Geduld. Meine Mutter sagte: „Nicht jeder, der ins Gefängnis kommt, bleibt dort sein ganzes Leben lang.“ Das gab mir Hoffnung.
In den Tagen vor der Verhandlung habe ich nicht viel gesprochen. Meine Anwältin Natasha Dailiani sagte mir, ich solle alles beschreiben, und wenn sie mir nicht zuhören würden, ihnen sagen, dass ich reden müsse.
Während der Verhandlung hatte ich große Angst. Aber als ich anfing, mit dem Richter zu sprechen, war die Angst verschwunden. Es war der Moment, alles zu erzählen. Sie fragten uns nicht, wer unser Schiff zerstört hatte. Sie sprachen nur darüber, wohin wir wollten. Ich wollte nach Italien. Es waren ganz normale Fragen. Als sie uns das Urteil verkündeten, dass wir freigesprochen wurden, habe ich geweint. Ich hätte nie gedacht, dass sie so entscheiden würden. Es war, als würde ich ein neues Leben beginnen. Aber nach dem Gerichtstermin war ich nicht frei. Das hat mich sehr wütend gemacht. In Ägypten verlässt man das Gericht als freier Mensch, wenn man unschuldig ist. In Griechenland musste ich noch fünf Tage in der Polizeistation in Kalamata bleiben. Dann musste ich noch zehn Tage in der Polizeistation von Nafplio bleiben. Sie sagten, das liege daran, dass wir keine Adresse hätten. Als wir endlich nach draußen gingen, roch ich die Luft. Die Luft im Gefängnis war nicht wie die Luft auf der Straße. Auf der Straße war die Luft frisch. Es war die Luft der Hoffnung und eines neuen Lebens.
english version:
In February 2023 I finished my military service. After that I took the decision to go to Italy. My aunt and my cousins were in Italy. I saw them living a good life there. I started to speak with the smuggler about all the details on the phone. I knew him, my father knew him, he is well known in Egypt. If you want to go to Italy, you should go to Ahmad S. He told me: 'I will arrange all your papers and you will go from Egypt to Libya legally.' I had to go with my father and my brother to the tourist office Al Farahat, to give him the money. I paid 3,000 € for everything.
I started the journey from Cairo. It took two days on the road. I stayed 55 days in a house in Tobruk, Libya. During that time, I was speaking to the smuggler on WhatsApp. 'When are we going to leave?', I asked him. One day, he told us to take all our things. We drove to the desert and someone told us to run: 'When you see the sea, there will be people who will take you with a small boat to the ship.' We started to run and arrived at sea.
We started the journey at six o’clock in the morning, I was downstairs in the boat. The boat was full, there were three floors. It was very difficult, I was smelling gas the whole time, I couldn’t breath. I thought: ’I have to go upstairs, if I stay here, I will die.' When I went upstairs, there was someone from the crew who told me that I have to go back downstairs. I went to the middle floor. This was the first time I was on a ship. All the time people were not feeling good, because there was no balance on the ship. We were 750 people. The captain was 17 years old. It was not his work, he went to Italy like anyone else. He told the smuggler on the phone: 'We are too many people, we should go back. We can’t continue to Italy.' The smuggler said: 'Drive this way, and I will send you the next location point to continue.’ The smuggler was staying home, he had money. Why should he go to Italy?
If the journey had been like the first day, we would have arrived in Italy, but we didn't have water and the weather was very hot. There were five people from the crew. Everybody saw the captain, everybody saw the crew. During the whole journey we kept having a problem with the motor. The motor stopped working from time to time because the engine was very hot. Everybody was nervous, everybody was tired. There were a lot of minors on board. They started to cry, because they had the feeling they would die. Some people asked me and other Egyptians if we could help. I was not scared and started to help. That’s why later people said I was part of the crew. All the men who got arrested had helped. I gave people water and I told them not to move, to stay in their place.
On the fifth day the Greek Coast Guard came. We didn't call them, we didn’t ask for help. They stopped us and threw a rope towards our boat. People fixed the rope within five minutes to our boat. The Coast Guard started to drive and our ship tilted one time right, one time left, one time right. Suddenly everything was dark. I didn't hear anything, I didn't see anything. The water went inside the ship and the oxygen went out. Water was coming up to my chin. I remembered there was a door. I managed to get outside the boat. When I looked back, I saw the ship in the water. It didn’t take more than 15 minutes. People were calling the Coast Guard because they had a light. They didn’t help anyone and were using their mobiles to take videos, they were smiling. I was afraid to go to them. We were swimming for two hours. A yacht with an Italian flag came. [They were called to support the Coast Guard]. We were taken to the yacht. There were Coast Guards who asked if we had taken videos. They took all the phones and put them in a bag. They have never given them back to us. Four people with weapons said: 'Don’t move.' All the time, they looked at us. The yacht’s crew started to help us a little bit. They gave us water and said: 'You will be okay. We will bring you to Kalamata, we will help you.' All the survivors said: 'We need to go to Italy, we don’t need to go to Greece.’
We arrived in Kalamata at seven in the morning and went to a small warehouse. People started to ask us if we were okay. I said: 'I am coming from death, I am not okay.’ I couldn’t breathe, because of what I saw. They gave us clothes and food. Police were asking us normal questions, like our name, age or country.
At three o'clock at night, I heard a voice. I woke up and looked at a Coast Guard officer. He told me: 'You can call your mother, come with us.' I wanted to make one call to tell my family I didn’t die. I went with him. Outside the warehouse, there was another person from the boat. I asked him if he knew what they would do and he said that maybe they needed more information. We walked 500 meters and suddenly they started to handcuff me. They said: ‘Don’t worry, it is normal, we will take some information and then bring you back.’ I told them that it was not normal and that I didn’t like it but they told me to be quiet.
During the investigation they told me: 'You killed 600 people.' I started to cry: 'You killed us, the Coast Guard killed us.' They continued saying: 'You are a smuggler.' I told them that if I was a smuggler, I would have money. They asked me: 'Did you see the smuggler, were they inside the boat?‘- 'In your mind, would the smuggler be on the ship with us? He stayed of course in Libya.‘ They threatened me by saying that they knew President Sisi: ‘He is our friend. We will tell him to take your family to the prison if you don't help us.' I knew they couldn’t do anything. I said: ’I am not a bad man. I want to go back to the warehouse.' - 'You will go nowhere. You will stay in prison, you will stay your whole life in prison.' At this moment I realised what they could do. They showed me pictures of the Egyptians and they gave me a picture of myself. They started to ask me what we were doing on the ship. I explained that we had helped. If we hadn’t helped, we would have died. We all saw the captain, we all knew the crew. If the crew would be inside the camp, I would have told them but they were not there. The officers informed me that other passengers had said that I had taken the money and that I had shown them where to sit. It was true that I had helped on the ship but why should I go to prison for that? I added that I had been one of the last people to board the ship. They were laughing the whole time and speaking in Greek. They brought me to a cell, a small room, downstairs in the Coast Guard station. I stayed there for two nights with other people from our boat.
On the second day, we went to court. The judge only asked a few questions. I told her everything. In the evening, we were brought to the police station of Kalamata. When I first called my mother, we were crying a lot. And then we moved on quickly and tried to figure out what to do. She gave me the number of the Egyptian embassy and I called them. They knew about our boat, but they didn't know the complete story. I told them that we would go one more time to court the next day and that we needed a translator.
They really came the next day and they told us: 'You will go outside. We know you didn't do anything. You should not be nervous.’ In court, the investigation started. No one asked how we were shipwrecked. They were only asking who was the captain. The translator told them that the ship had not been in Greek waters, but in international waters. I knew if somebody makes a crime in international waters, the Greek justice can not do anything. After ten minutes the investigation was over. If I was a smuggler it should last 24 hours, not ten minutes. We told the embassy: 'They made us fall in the water. We will not stay one more day in the police station. We demand our rights’. They told us to be patient: 'You were in international waters. They will let you go.' I said: 'Like any person I request mercy. I need justice. It is not fair. I went from the sea to the prison. It is like you are killing me slowly.' At the end of the court the judge told us: 'You will stay ten days at Kalamata Police station and then we will continue the investigation.’ The young people, who were 19, 20 years old, lost their minds. They started shouting.
Ten days, nine people in one room. The officers gave us food at eleven o’clock in the morning and at eight o’clock in the evening. After ten days, they sent us to the prison in Nafplio. 'How much time will we stay here?' No-one could answer. We were going to quarantine. During these days I couldn’t walk because I was so tired. We received a carta to make calls and started to get financial help from our families. One day, we took the decision to go on a hunger strike to protest against our detention. We stayed seven days like that. During these days the prison’s manager called us: 'You should eat and drink water. You should take care of yourself. I know, you didn't do anything. You will stay here for a short time, like six months.' We told her that six months were not a short time. But after seven days we stopped the hungerstirke. We stayed 20 days in quarantine. We slept and had little food. A security man gave me the number of a journalist. Everyone started to tell his story. We met the lawyer Alex Georgoulis. He said 'I won a lot of cases like this. You should trust me.' It was the first time we were feeling hope.
On the first day when we left quarantine the other prisoners were fighting us. They told us what the rules in prison were.
We were six people in one room. We had a bath room and one television. Two people were sleeping on the floor. There was no privacy. The doors were closed from seven o’clock at night until eight o'clock in the morning and then again from twelve till three o’clock.
In Greece, during that time, they had presidential elections between Mitsotakis and Tsipras. Everybody said our case was a political case. I told them I hadn’t gone to the revolution in Egypt. I didn’t do any crime in my country. Why should I be in a political case in prison in another country?
Prison was a difficult time. In the beginning, we didn't have money. I had my cousin in Italy who was helping me with money for the carta, for coffee or anything. When you called your family it cost ten euros for seven minutes. Everything was expensive in prison. After some months, we received the first documents from court with our accusations. The witnesses were nine people. They said that I had given people food and water. And that I had told them where they should sit. I did do that but I am not a smuggler.
My mother told me that I would be released, that I had not done anything wrong. Her health at that moment was not good. It was very difficult for her. She told me that I should be patient. We have a history in the Quran, it is named after Yusuf. I think it is my story. Yusuf went to prison where he stayed for seven years. He didn’t do anything. When Yusuf went outside, he became a minister. It is a story about patience. My mother said 'Not everyone who goes to prison will stay there his whole life.’ It gave me hope.
The days before the court I was not talking much. My lawyer Natasha Dailiani told me that I should describe everything, and if they were not listening, to tell them that I needed to talk.
During the court I was so afraid. But when I started to talk with the judge, the fear was gone. It was the moment to tell everything. They didn't ask us who had destroyed our ship. Everything they were talking about was where we wanted to go. I wanted to go to Italy. There were normal questions. When they told us the verdict, that we were acquitted, I cried. I had not imagined, they would decide this. It was like starting a new life. But after the court, I was not free. I was so angry about it. In Egypt if you are innocent, you leave the court as a free person. In Greece I had to stay in the police station in Kalamata for five more days. Then I had to stay ten more days at the police station of Nafplio. They said it was because we didn’t have an address. When we finally went outside, I smelled the air. The air in prison was not like the air on the street. On the street, the air was fresh. It was the air of hope and of a new life.
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deutsche Version:
Im Februar 2023 habe ich meinen Militärdienst beendet. Danach habe ich mich entschlossen, nach Italien zu gehen. Meine Tante und meine Cousins lebten in Italien. Ich sah, dass sie dort ein gutes Leben führten. Ich begann, mit dem Schlepper am Telefon alle Details zu besprechen. Ich kannte ihn, mein Vater kannte ihn, er ist in Ägypten sehr bekannt. Wenn man nach Italien gehen will, sollte man zu Ahmad S. gehen. Er sagte mir: „Ich werde alle deine Papiere besorgen und du wirst legal von Ägypten nach Libyen reisen.“ Ich musste mit meinem Vater und meinem Bruder zum Reisebüro Al Farahat gehen, um ihm das Geld zu geben. Ich habe 3.000 € für alles bezahlt.
Ich begann die Reise in Kairo. Die Fahrt dauerte zwei Tage. Ich blieb 55 Tage in einem Haus in Tobruk, Libyen. Während dieser Zeit sprach ich mit dem Schlepper über WhatsApp. „Wann fahren wir los?“, fragte ich ihn. Eines Tages sagte er uns, wir sollten all unsere Sachen packen. Wir fuhren in die Wüste und jemand sagte uns, wir sollten laufen: „Wenn ihr das Meer seht, werden euch Leute mit einem kleinen Boot zum Schiff bringen.“ Wir begannen zu laufen und kamen am Meer an.
Wir begannen die Reise um sechs Uhr morgens, ich war unten im Boot. Das Boot war voll, es hatte drei Etagen. Es war sehr hart, ich roch die ganze Zeit Benzin und konnte kaum atmen. Ich dachte: „Ich muss nach oben gehen. Wenn ich hier bleibe, sterbe ich.“ Als ich nach oben ging, sagte mir jemand von der Besatzung, ich müsse wieder nach unten gehen. Ich ging auf die mittlere Etage. Das war das erste Mal, dass ich auf einem Schiff war. Die ganze Zeit über fühlten sich die Leute unwohl, weil das Schiff nicht im Gleichgewicht war. Wir waren 750 Menschen. Der Kapitän war 17 Jahre alt. Es war nicht seine Arbeit, er fuhr wie alle anderen nach Italien. Er sagte dem Schlepper am Telefon: „Wir sind zu viele, wir sollten umkehren. Wir können nicht weiter nach Italien fahren.“ Der Schlepper sagte: „Fahrt in diese Richtung, und ich schicke euch den nächsten Standort, um weiterzufahren.“ Der Schlepper blieb zu Hause, er hatte Geld. Warum sollte er nach Italien fahren?
Wenn die Reise so verlaufen wäre wie am ersten Tag, wären wir in Italien angekommen, aber wir hatten kein Wasser und das Wetter war sehr heiß. Es gab fünf Leute aus der Besatzung. Alle sahen den Kapitän, alle sahen die Besatzung. Während der gesamten Reise hatten wir immer wieder Probleme mit dem Motor. Der Motor stellte von Zeit zu Zeit seinen Betrieb ein, weil er sehr heiß war. Alle waren nervös, alle waren müde. Es waren viele Minderjährige an Bord. Sie fingen an zu weinen, weil sie das Gefühl hatten, sie würden sterben. Einige Leute fragten mich und andere Ägypter, ob wir helfen könnten. Ich hatte keine Angst und begann zu helfen. Deshalb sagten die Leute später, ich sei Teil der Besatzung gewesen. Alle Männer, die verhaftet wurden, hatten geholfen. Ich gab den Leuten Wasser und sagte ihnen, sie sollten sich nicht bewegen, sondern an ihrem Platz bleiben.
Am fünften Tag kam die griechische Küstenwache. Wir hatten sie nicht gerufen, wir hatten nicht um Hilfe gebeten. Sie hielten uns an und warfen ein Seil zu unserem Boot. Die Leute befestigten das Seil innerhalb von fünf Minuten an unserem Boot. Die Küstenwache fuhr los, und unser Schiff neigte sich einmal nach rechts, einmal nach links, einmal nach rechts. Plötzlich war alles dunkel. Ich hörte nichts, ich sah nichts. Wasser drang ins Schiff ein und der Sauerstoff ging raus. Das Wasser stieg mir bis zum Kinn. Ich erinnerte mich, dass es eine Tür gab. Ich schaffte es irgendwie, aus dem Boot zu kommen. Als ich zurückblickte, sah ich das Schiff im Wasser untergehen. Das dauerte nicht länger als 15 Minuten. Die Leute riefen die Küstenwache, weil sie ein Licht hatten. Sie halfen niemandem und machten mit ihren Handys Videos, sie lächelten. Ich hatte Angst, zu ihnen zu gehen. Wir schwammen zwei Stunden lang. Dann kam eine Yacht mit italienischer Flagge. [Sie waren gerufen worden, um die Küstenwache zu unterstützen]. Wir wurden auf die Yacht gebracht. Dort fragten uns die Beamten der Küstenwache, ob wir Videos aufgenommen hätten. Sie nahmen alle Handys an sich und steckten sie in eine Tasche. Sie haben sie uns nie zurückgegeben. Vier bewaffnete Männer sagten: „Keine Bewegung.“ Die ganze Zeit über beobachteten sie uns. Die Besatzung der Yacht begann, uns ein wenig zu helfen. Sie gaben uns Wasser und sagten: „Ihr werdet es schaffen. Wir bringen euch nach Kalamata, wir helfen euch.“ Alle Überlebenden sagten: „Wir müssen nach Italien, wir wollen nicht nach Griechenland.“
Wir kamen um sieben Uhr morgens in Kalamata an und gingen zu einem kleinen Lagerhaus. Die Leute fragten uns, ob wir in Ordnung seien. Ich sagte: „Ich komme aus dem Tod, ich bin nicht in Ordnung.“ Ich konnte nicht atmen, wegen dem, was ich gesehen hatte. Sie gaben uns Kleidung und Essen. Die Polizei stellte uns normale Fragen, wie zum Beispiel unseren Namen, unser Alter oder unser Herkunftsland.
Um drei Uhr nachts hörte ich eine Stimme. Ich wachte auf und sah einen Beamten der Küstenwache. Er sagte zu mir: „Du kannst deine Mutter anrufen, komm mit uns.“ Ich wollte einen Anruf tätigen, um meiner Familie zu sagen, dass ich nicht gestorben war. Ich ging mit ihm mit. Vor dem Lagerhaus stand noch eine andere Person von dem Boot. Ich fragte ihn, ob er wüsste, was sie vorhätten, und er sagte, dass sie vielleicht noch mehr Informationen bräuchten. Wir gingen 500 Meter und plötzlich fingen sie an, mir Handschellen anzulegen. Sie sagten: „Keine Sorge, das ist normal, wir nehmen nur ein paar Informationen auf und bringen Sie dann zurück.“ Ich sagte ihnen, dass das nicht normal sei und mir das nicht gefiele, aber sie sagten mir, ich solle still sein.
Während der Vernehmung sagten sie zu mir: „Du hast 600 Menschen getötet.“ Ich fing an zu weinen: „Ihr habt uns getötet, die Küstenwache hat uns getötet.“ Sie fuhren fort: „Du bist ein Schlepper.“ Ich sagte ihnen, dass ich Geld hätte, wenn ich ein Schlepper wäre. Sie fragten mich: „Hast du den Schmuggler gesehen, war er im Boot?“ – „Glaubst du wirklich, der Schmuggler wäre mit uns auf dem Schiff gewesen? Er ist natürlich in Libyen geblieben.“ Sie drohten mir, indem sie sagten, dass sie Präsident Sisi kennen: „Er ist unser Freund. Wir werden ihm sagen, dass er deine Familie ins Gefängnis bringen soll, wenn du uns nicht hilfst.“ Ich wusste, dass sie nichts tun konnten. Ich sagte: „Ich bin kein schlechter Mensch. Ich möchte zurück zum Lagerhaus.“ – „Du gehst nirgendwohin. Du bleibst im Gefängnis, du bleibst dein ganzes Leben lang im Gefängnis.“ In diesem Moment wurde mir klar, was sie tun könnten. Sie zeigten mir Bilder von den Ägyptern und gaben mir ein Bild von mir selbst. Sie fragten mich, was wir auf dem Schiff gemacht hätten. Ich erklärte, dass wir geholfen hatten. Hätten wir nicht geholfen, wären wir gestorben. Wir alle hatten den Kapitän gesehen, wir alle kannten die Crew. Wenn die Crew im Lager gewesen wäre, hätte ich es ihnen gesagt, aber sie waren nicht dort. Die Beamten teilten mir mit, dass andere Passagiere gesagt hätten, ich hätte das Geld genommen und ihnen gezeigt, wo sie sitzen sollten. Es stimmte, dass ich auf dem Schiff geholfen hatte, aber warum sollte ich dafür ins Gefängnis kommen? Ich fügte hinzu, dass ich einer der letzten gewesen war, die an Bord gegangen waren. Sie lachten die ganze Zeit und sprachen Griechisch. Sie brachten mich in eine Zelle, einen kleinen Raum im Untergeschoss der Küstenwache. Dort blieb ich zwei Nächte lang mit anderen Menschen von unserem Boot.
Am zweiten Tag waren wir vor Gericht. Die Richterin stellte nur ein paar Fragen. Ich erzählte ihr alles. Am Abend wurden wir zur Polizeistation von Kalamata gebracht. Als ich meine Mutter zum ersten Mal anrief, haben wir viel geweint. Dann haben wir uns schnell gefasst und überlegt, was wir tun sollten. Sie gab mir die Nummer der ägyptischen Botschaft, und ich rief dort an. Sie wussten von unserem Boot, aber sie kannten nicht die ganze Geschichte. Ich sagte ihnen, dass wir am nächsten Tag noch einmal vor Gericht müssten und dass wir einen Dolmetscher bräuchten.
Sie kamen tatsächlich am nächsten Tag und sagten uns: „Ihr werdet freigelassen. Wir wissen, dass ihr nichts getan habt. Ihr müsst nicht nervös sein.“ Vor Gericht begann die Vernehmung. Niemand fragte, wie wir Schiffbruch erlitten hatten. Sie fragten nur, wer der Kapitän war. Der Übersetzer sagte ihnen, dass sich das Schiff nicht in griechischen Gewässern, sondern in internationalen Gewässern befunden habe. Ich wusste, dass die griechische Justiz nichts tun kann, wenn jemand in internationalen Gewässern ein Verbrechen begeht. Nach zehn Minuten war die Vernehmung beendet. Wenn ich ein Schleuser wäre, hätte sie 24 Stunden dauern müssen, nicht zehn Minuten. Wir sagten der Botschaft: „Sie haben uns ins Wasser geworfen. Wir bleiben keinen Tag länger auf der Polizeiwache. Wir fordern unsere Rechte ein.“
Sie sagten uns, wir sollten Geduld haben: „Ihr wart in internationalen Gewässern. Sie werden euch freilassen.“ Ich sagte: „Wie jeder Mensch bitte ich um Gnade. Ich brauche Gerechtigkeit. Das ist nicht fair. Ich bin vom Meer ins Gefängnis gekommen. Das ist, als würdet ihr mich langsam umbringen. Am Ende der Verhandlung sagte uns der Richter: „Ihr werdet zehn Tage in der Polizeistation von Kalamata bleiben, dann werden wir die Vernehmung fortsetzen.“ Die jungen Leute, die 19, 20 Jahre alt waren, verloren den Verstand. Sie fingen an zu schreien.
Zehn Tage, neun Personen in einem Raum. Die Beamten gaben uns um elf Uhr morgens und um acht Uhr abends etwas zu essen. Nach zehn Tagen wurden wir ins Gefängnis von Nafplio verlegt. „Wie lange werden wir hier bleiben?“ Niemand konnte diese Frage beantworten. Wir sollten in Quarantäne. In diesen Tagen konnte ich vor Erschöpfung nicht mehr laufen. Wir erhielten eine Carta, um Telefonate zu führen, und bekamen finanzielle Hilfe von unseren Familien. Eines Tages beschlossen wir, aus Protest gegen unsere Inhaftierung in den Hungerstreik zu treten. Wir blieben sieben Tage lang im Hungerstreik. Während dieser Zeit rief uns die Gefängnisdirektorin an: „Ihr solltet essen und Wasser trinken. Ihr solltet auf euch achten. Ich weiß, dass ihr nichts getan habt. Ihr werdet nur für kurze Zeit hier bleiben, etwa sechs Monate.“ Wir sagten ihr, dass sechs Monate keine kurze Zeit seien. Aber nach sieben Tagen beendeten wir den Hungerstreik. Wir blieben 20 Tage in Quarantäne. Wir schliefen und bekamen wenig zu essen. Ein Sicherheitsbeamter gab mir die Nummer eines Journalisten. Alle begannen, ihre Geschichte zu erzählen. Wir trafen den Anwalt Alex Georgoulis. Er sagte: „Ich habe viele Fälle wie diesen gewonnen. Ihr solltet mir vertrauen.“ Es war das erste Mal, dass wir Hoffnung verspürten. Am ersten Tag, als wir die Quarantäne verließen, schlugen uns die anderen Gefangenen. Sie erklärten uns die Regeln im Gefängnis.
Wir waren zu sechst in einem Zimmer. Wir hatten ein Badezimmer und einen Fernseher. Zwei Personen schliefen auf dem Boden. Es gab keine Privatsphäre. Die Türen waren von sieben Uhr abends bis acht Uhr morgens und dann wieder von zwölf bis drei Uhr geschlossen.
In Griechenland fanden zu dieser Zeit Präsidentschaftswahlen zwischen Mitsotakis und Tsipras statt. Alle sagten, unser Fall sei ein politischer Fall. Ich sagte ihnen, dass ich nicht an der Revolution in Ägypten teilgenommen hatte. Ich habe in meinem Land kein Verbrechen begangen. Warum sollte ich in einem politischen Fall in einem anderen Land im Gefängnis sitzen?
Das Gefängnis war eine schwere Zeit. Am Anfang hatten wir kein Geld. Ich hatte einen Cousin in Italien, der mir mit Geld für die Carta, für Kaffee oder sonstiges aushalf. Ein Anruf bei der Familie kostete zehn Euro für sieben Minuten. Im Gefängnis war alles teuer. Nach einigen Monaten erhielten wir die ersten Unterlagen vom Gericht mit den Anklagepunkten. Es gab neun Zeugen. Sie sagten, ich hätte den Menschen Essen und Wasser gegeben. Und dass ich ihnen gesagt hätte, wo sie sitzen sollten. Das habe ich zwar getan, aber ich bin kein Schmuggler.
Meine Mutter sagte mir, dass ich freikommen würde, dass ich nichts Unrechtes getan hätte. Ihr Gesundheitszustand war zu diesem Zeitpunkt nicht gut. Es war sehr schwer für sie. Sie sagte mir, ich solle Geduld haben. Wir haben eine Geschichte im Koran, sie ist nach Yusuf benannt. Ich glaube, das ist meine Geschichte. Yusuf kam ins Gefängnis, wo er sieben Jahre lang blieb. Er hatte nichts getan. Als Yusuf wieder herauskam, wurde er Minister. Es ist eine Geschichte über Geduld. Meine Mutter sagte: „Nicht jeder, der ins Gefängnis kommt, bleibt dort sein ganzes Leben lang.“ Das gab mir Hoffnung.
In den Tagen vor der Verhandlung habe ich nicht viel gesprochen. Meine Anwältin Natasha Dailiani sagte mir, ich solle alles beschreiben, und wenn sie mir nicht zuhören würden, ihnen sagen, dass ich reden müsse.
Während der Verhandlung hatte ich große Angst. Aber als ich anfing, mit dem Richter zu sprechen, war die Angst verschwunden. Es war der Moment, alles zu erzählen. Sie fragten uns nicht, wer unser Schiff zerstört hatte. Sie sprachen nur darüber, wohin wir wollten. Ich wollte nach Italien. Es waren ganz normale Fragen. Als sie uns das Urteil verkündeten, dass wir freigesprochen wurden, habe ich geweint. Ich hätte nie gedacht, dass sie so entscheiden würden. Es war, als würde ich ein neues Leben beginnen. Aber nach dem Gerichtstermin war ich nicht frei. Das hat mich sehr wütend gemacht. In Ägypten verlässt man das Gericht als freier Mensch, wenn man unschuldig ist. In Griechenland musste ich noch fünf Tage in der Polizeistation in Kalamata bleiben. Dann musste ich noch zehn Tage in der Polizeistation von Nafplio bleiben. Sie sagten, das liege daran, dass wir keine Adresse hätten. Als wir endlich nach draußen gingen, roch ich die Luft. Die Luft im Gefängnis war nicht wie die Luft auf der Straße. Auf der Straße war die Luft frisch. Es war die Luft der Hoffnung und eines neuen Lebens.
english version:
In February 2023 I finished my military service. After that I took the decision to go to Italy. My aunt and my cousins were in Italy. I saw them living a good life there. I started to speak with the smuggler about all the details on the phone. I knew him, my father knew him, he is well known in Egypt. If you want to go to Italy, you should go to Ahmad S. He told me: 'I will arrange all your papers and you will go from Egypt to Libya legally.' I had to go with my father and my brother to the tourist office Al Farahat, to give him the money. I paid 3,000 € for everything.
I started the journey from Cairo. It took two days on the road. I stayed 55 days in a house in Tobruk, Libya. During that time, I was speaking to the smuggler on WhatsApp. 'When are we going to leave?', I asked him. One day, he told us to take all our things. We drove to the desert and someone told us to run: 'When you see the sea, there will be people who will take you with a small boat to the ship.' We started to run and arrived at sea.
We started the journey at six o’clock in the morning, I was downstairs in the boat. The boat was full, there were three floors. It was very difficult, I was smelling gas the whole time, I couldn’t breath. I thought: ’I have to go upstairs, if I stay here, I will die.' When I went upstairs, there was someone from the crew who told me that I have to go back downstairs. I went to the middle floor. This was the first time I was on a ship. All the time people were not feeling good, because there was no balance on the ship. We were 750 people. The captain was 17 years old. It was not his work, he went to Italy like anyone else. He told the smuggler on the phone: 'We are too many people, we should go back. We can’t continue to Italy.' The smuggler said: 'Drive this way, and I will send you the next location point to continue.’ The smuggler was staying home, he had money. Why should he go to Italy?
If the journey had been like the first day, we would have arrived in Italy, but we didn't have water and the weather was very hot. There were five people from the crew. Everybody saw the captain, everybody saw the crew. During the whole journey we kept having a problem with the motor. The motor stopped working from time to time because the engine was very hot. Everybody was nervous, everybody was tired. There were a lot of minors on board. They started to cry, because they had the feeling they would die. Some people asked me and other Egyptians if we could help. I was not scared and started to help. That’s why later people said I was part of the crew. All the men who got arrested had helped. I gave people water and I told them not to move, to stay in their place.
On the fifth day the Greek Coast Guard came. We didn't call them, we didn’t ask for help. They stopped us and threw a rope towards our boat. People fixed the rope within five minutes to our boat. The Coast Guard started to drive and our ship tilted one time right, one time left, one time right. Suddenly everything was dark. I didn't hear anything, I didn't see anything. The water went inside the ship and the oxygen went out. Water was coming up to my chin. I remembered there was a door. I managed to get outside the boat. When I looked back, I saw the ship in the water. It didn’t take more than 15 minutes. People were calling the Coast Guard because they had a light. They didn’t help anyone and were using their mobiles to take videos, they were smiling. I was afraid to go to them. We were swimming for two hours. A yacht with an Italian flag came. [They were called to support the Coast Guard]. We were taken to the yacht. There were Coast Guards who asked if we had taken videos. They took all the phones and put them in a bag. They have never given them back to us. Four people with weapons said: 'Don’t move.' All the time, they looked at us. The yacht’s crew started to help us a little bit. They gave us water and said: 'You will be okay. We will bring you to Kalamata, we will help you.' All the survivors said: 'We need to go to Italy, we don’t need to go to Greece.’
We arrived in Kalamata at seven in the morning and went to a small warehouse. People started to ask us if we were okay. I said: 'I am coming from death, I am not okay.’ I couldn’t breathe, because of what I saw. They gave us clothes and food. Police were asking us normal questions, like our name, age or country.
At three o'clock at night, I heard a voice. I woke up and looked at a Coast Guard officer. He told me: 'You can call your mother, come with us.' I wanted to make one call to tell my family I didn’t die. I went with him. Outside the warehouse, there was another person from the boat. I asked him if he knew what they would do and he said that maybe they needed more information. We walked 500 meters and suddenly they started to handcuff me. They said: ‘Don’t worry, it is normal, we will take some information and then bring you back.’ I told them that it was not normal and that I didn’t like it but they told me to be quiet.
During the investigation they told me: 'You killed 600 people.' I started to cry: 'You killed us, the Coast Guard killed us.' They continued saying: 'You are a smuggler.' I told them that if I was a smuggler, I would have money. They asked me: 'Did you see the smuggler, were they inside the boat?‘- 'In your mind, would the smuggler be on the ship with us? He stayed of course in Libya.‘ They threatened me by saying that they knew President Sisi: ‘He is our friend. We will tell him to take your family to the prison if you don't help us.' I knew they couldn’t do anything. I said: ’I am not a bad man. I want to go back to the warehouse.' - 'You will go nowhere. You will stay in prison, you will stay your whole life in prison.' At this moment I realised what they could do. They showed me pictures of the Egyptians and they gave me a picture of myself. They started to ask me what we were doing on the ship. I explained that we had helped. If we hadn’t helped, we would have died. We all saw the captain, we all knew the crew. If the crew would be inside the camp, I would have told them but they were not there. The officers informed me that other passengers had said that I had taken the money and that I had shown them where to sit. It was true that I had helped on the ship but why should I go to prison for that? I added that I had been one of the last people to board the ship. They were laughing the whole time and speaking in Greek. They brought me to a cell, a small room, downstairs in the Coast Guard station. I stayed there for two nights with other people from our boat.
On the second day, we went to court. The judge only asked a few questions. I told her everything. In the evening, we were brought to the police station of Kalamata. When I first called my mother, we were crying a lot. And then we moved on quickly and tried to figure out what to do. She gave me the number of the Egyptian embassy and I called them. They knew about our boat, but they didn't know the complete story. I told them that we would go one more time to court the next day and that we needed a translator.
They really came the next day and they told us: 'You will go outside. We know you didn't do anything. You should not be nervous.’ In court, the investigation started. No one asked how we were shipwrecked. They were only asking who was the captain. The translator told them that the ship had not been in Greek waters, but in international waters. I knew if somebody makes a crime in international waters, the Greek justice can not do anything. After ten minutes the investigation was over. If I was a smuggler it should last 24 hours, not ten minutes. We told the embassy: 'They made us fall in the water. We will not stay one more day in the police station. We demand our rights’. They told us to be patient: 'You were in international waters. They will let you go.' I said: 'Like any person I request mercy. I need justice. It is not fair. I went from the sea to the prison. It is like you are killing me slowly.' At the end of the court the judge told us: 'You will stay ten days at Kalamata Police station and then we will continue the investigation.’ The young people, who were 19, 20 years old, lost their minds. They started shouting.
Ten days, nine people in one room. The officers gave us food at eleven o’clock in the morning and at eight o’clock in the evening. After ten days, they sent us to the prison in Nafplio. 'How much time will we stay here?' No-one could answer. We were going to quarantine. During these days I couldn’t walk because I was so tired. We received a carta to make calls and started to get financial help from our families. One day, we took the decision to go on a hunger strike to protest against our detention. We stayed seven days like that. During these days the prison’s manager called us: 'You should eat and drink water. You should take care of yourself. I know, you didn't do anything. You will stay here for a short time, like six months.' We told her that six months were not a short time. But after seven days we stopped the hungerstirke. We stayed 20 days in quarantine. We slept and had little food. A security man gave me the number of a journalist. Everyone started to tell his story. We met the lawyer Alex Georgoulis. He said 'I won a lot of cases like this. You should trust me.' It was the first time we were feeling hope.
On the first day when we left quarantine the other prisoners were fighting us. They told us what the rules in prison were.
We were six people in one room. We had a bath room and one television. Two people were sleeping on the floor. There was no privacy. The doors were closed from seven o’clock at night until eight o'clock in the morning and then again from twelve till three o’clock.
In Greece, during that time, they had presidential elections between Mitsotakis and Tsipras. Everybody said our case was a political case. I told them I hadn’t gone to the revolution in Egypt. I didn’t do any crime in my country. Why should I be in a political case in prison in another country?
Prison was a difficult time. In the beginning, we didn't have money. I had my cousin in Italy who was helping me with money for the carta, for coffee or anything. When you called your family it cost ten euros for seven minutes. Everything was expensive in prison. After some months, we received the first documents from court with our accusations. The witnesses were nine people. They said that I had given people food and water. And that I had told them where they should sit. I did do that but I am not a smuggler.
My mother told me that I would be released, that I had not done anything wrong. Her health at that moment was not good. It was very difficult for her. She told me that I should be patient. We have a history in the Quran, it is named after Yusuf. I think it is my story. Yusuf went to prison where he stayed for seven years. He didn’t do anything. When Yusuf went outside, he became a minister. It is a story about patience. My mother said 'Not everyone who goes to prison will stay there his whole life.’ It gave me hope.
The days before the court I was not talking much. My lawyer Natasha Dailiani told me that I should describe everything, and if they were not listening, to tell them that I needed to talk.
During the court I was so afraid. But when I started to talk with the judge, the fear was gone. It was the moment to tell everything. They didn't ask us who had destroyed our ship. Everything they were talking about was where we wanted to go. I wanted to go to Italy. There were normal questions. When they told us the verdict, that we were acquitted, I cried. I had not imagined, they would decide this. It was like starting a new life. But after the court, I was not free. I was so angry about it. In Egypt if you are innocent, you leave the court as a free person. In Greece I had to stay in the police station in Kalamata for five more days. Then I had to stay ten more days at the police station of Nafplio. They said it was because we didn’t have an address. When we finally went outside, I smelled the air. The air in prison was not like the air on the street. On the street, the air was fresh. It was the air of hope and of a new life.
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